Karlsruher Stimmen I Demokratie und Menschenrechte im Gespräch

Matthias Walz über die Rolle der Literatur für unsere Demokratie, Sorgen junger Menschen und die symbolische Geschichte des Prinz-Max-Palais
Zur Person
Matthias Walz (M.A.) ist Kulturvermittler und Literaturwissenschaftler, seit 2007 verantwortlich für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Literarischen Gesellschaft Karlsruhe sowie des Museums für Literatur am Oberrhein. Nach dem Tod von Hans-Jörg Schmidt-Bergmann wurde er zum neuen geschäftsführenden Vorstandsvorsitzenden der Literarischen Gesellschaft und führt gemeinsam mit einem Redaktionsteam die traditionsreiche Literaturzeitschrift „allmende“ fort. Als anerkannter Experte vertritt er die baden-württembergische Literaturszene zudem in Fachjurys, beispielsweise beim Verlagspreis Literatur des Landes.
Herr Walz, was kann Literatur, was politische Debatten allein oft nicht leisten können?
Gerade in Zeiten von (politischer) Unbeständigkeit schafft die Literatur einen Ort des freien Denkens und der offenen Rede, der Orientierung und Zuversicht schenkt, wenn Gewissheiten ins Wanken geraten. Literatur ist die Reflexion über das, was Tradition, was Kultur ist. Dabei ist die Lesefähigkeit eine Voraussetzung demokratischer Mitgestaltung.
Ein gutes Buch lässt uns in andere Lebenswelten eintauchen. Kann Literatur dazu beitragen, Vorurteile abzubauen und Menschen miteinander ins Gespräch zu bringen? Haben Sie dafür Beispiele?
Es lohnt es sich, die Kalendergeschichten von Johann Peter Hebel zu lesen. Hebel, der 2026 seinen 200. Todestag hatte, ist für Karlsruhe die historische Persönlichkeit, welche die städtische und deutschsprachige Literatur- und Kulturgeschichte nachhaltig geprägt hat. Hebels Werke reichen weit über den alemannischen Sprachraum hinweg und sind inzwischen weltweit verbreitet. Auch jenseits eines Klassikers, seiner Kalendergeschichte Kannitverstan, kreisen Hebels Texte um Verstehen, Missverstehen und Nichtverstehen – und bringen uns dazu, miteinander ins Gespräch zu kommen.
Welche Kooperationen liegen Ihnen und der Literarischen Gesellschaft in Karlsruhe besonders am Herzen, gerade wenn sie an Themen denken, die für junge Menschen wichtig sind?
Allein bei den Literaturtagen sind wir Kooperationspartner von unzähligen Institutionen, zum Beispiel der Kunsthalle, bei der „Lesung Süd“ mit dem Kohi. Das richtet sich vornehmlich an ein jüngeres Publikum. Wir versuchen dadurch an jüngere Autor:innen zu kommen, die die entsprechende Themen haben. Feminismus spielt da eine Rolle, Geschlechtergerechtigkeit, das Thema Mobbing oder gesellschaftliche Anerkennung, Geschichten über die Übereinkunft von Beruf und Familie, welche Zukunftsperspektiven und auch Sorgen die jungen Leute von heute haben.
Junge Menschen haben Ängste, die ich damals noch nicht hatte: Der Klimawandel wird ein immer größeres Thema, genau wie die Gefährdung der Demokratie. Seit 4 Jahren herrscht in der Ukraine Krieg. Das stimmt mich sorgenvoll. Literatur thematisiert das und bietet Möglichkeiten, mit den jungen Leuten in Austausch zu kommen, mit ihnen darüber zu sprechen; wie sie damit umgehen, wie sie sich ernst genommen fühlen mit ihren Wünschen, Sehnsüchten und Hoffnungen.
Welche Rolle können Literaturhäuser, Lesungen und kulturelle Orte prinzipiell dabei spielen, den demokratischen Dialog lebendig zu halten und wo sehen Sie die Verantwortung der Literaturszene, wenn demokratische Werte unter Druck geraten?
Es ist fast schon modellhaft, wie die Demokratie sukzessive liquidiert wird. Autokraten formieren sich – ein Prozess, der in der Welt, in Europa und auch in Deutschland fortschreitet. Dies wird durch die Wahlergebnisse in den Ländern und im Bund manifestiert. Die Literaturszene, die Kulturszene insgesamt, muss auf Antisemitismus und Rassismus, die Angriffe auf die Diversität reagieren.
Wenn wir die Demokratie hochhalten wollen, dann braucht es literarische Orte, kulturelle Treffpunkte, offene Häuser für Entdeckungen und Inspirationen mitten in Karlsruhe. Das Prinz-Max-Palais ist ein Kulturzentrum, in dem (noch) die Kinder- und Jugendbibliothek, das Stadtmuseum und das Museum für Literatur gemeinsam unter einem Dach sind. Es ist ein Erinnerungsort, an dem Geschichte erfahrbar wird und gesellschaftlichen Dialoge geführt werden können. Wir erfahren gerade in diesen Zeiten, wie wichtig das ist. Wir betreiben Literaturförderung in der Hoffnung, dass das humanistische und demokratische Element von Literatur und von Kultur deutlich wird.
Welche Geschichte müssen wir uns gegenseitig erzählen, damit Demokratie nicht nur als Staatsform verstanden wird, sondern als etwas, das unser Zusammenleben bereichert?
Nehmen wir nur die Geschichte des Prinz-Max-Palais selbst. Es erzählt die Geschichte der Demokratie und des Zusammenlebens. Als Wohnsitz von Prinz Max von Baden, der den Übergang vom Kaiserreich zur parlamentarischen Demokratie einleitete, und als erster Amtssitz des Bundesverfassungsgerichts von 1951 bis 1969 hat das Gebäude herausragende Bedeutung – als Identifikation stiftender Ort der Karlsruhe Stadtgeschichte und deutscher Demokratiegeschichte.
Heute verleihen wir dort den Scheffelpreis – da, wo wir heute junge Menschen feiern, haben früher die großen, bedeutenden Prozesse stattgefunden. Von daher hoffe ich, dass wir so lange wie möglich noch da bleiben können und unsere Kulturvermittlung, die ja eben gerade im Sinne der Demokratieförderung ist, weiterhin umsetzen können.


Karlsruher Stimmen
Das Interview führte Stefanie Wally im August 2026. In der Reihe Karlsruher Stimmen lässt das Bündnis für Demokratie und Menschenrechte Karlsruhe Personen aus der Region zu Wort kommen, die aus einem ganz persönlichen Blickwinkel auf Demokratie und Menschenrechte schauen. Hier ist Platz für Meinungen und Diskussionen sind ausdrücklich erwünscht. Alle Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner eint der gemeinsame Einsatz für unsere Demokratie und die unumstößlichen Menschenrechte.
