Kurt Salomon Maiers Rückkehr nach Baden für einen Tag
Kurt Salomon Maier ist Frühaufsteher. Als er um 7 Uhr morgens zur Fahrt nach Karlsruhe in seinem Frankfurter Wohnheim abgeholt wird, weist er darauf noch mal nachdrücklich hin – man hätte ruhig auch schon etwas früher aufbrechen können. Schließlich steht für den Tag ein anspruchsvolles Programm an.
Genau einen Tag nach seinem 96. Geburtstag wird der Zeitzeuge und Holocaustüberlebende erst das Karlsruher Fichte-Gymnasium besuchen und am Nachmittag im Studentischen Kulturzentrum Z10 sprechen.
Für die Karlsruher Stimmen nahm sich Kurt Maier darüber hinaus Zeit, einige Fragen zu seinen Erfahrungen mit der Demokratie und der Erinnerungsarbeit zu beantworten.

Herr Maier, was motiviert Sie, auch noch im hohen Alter ein so anspruchsvolles Tagesprogramm im Sinne der Erinnerungsarbeit auf sich zu nehmen? Und was erleben Sie dabei?
„Für viele der jungen Menschen ist das heute das erste Mal, dass sie einen lebendigen, deutschen Juden treffen – noch dazu mit Schwarzwälder Dialekt –, der die Judenverfolgung im Dritten Reich überlebte. Die jungen Menschen sollen von mir hören, wie es damals war.
Da sind die Schüler erst schüchtern und trauen sich nicht, etwas zu fragen. Vieles ist für sie wirklich schwer zu verstehen. Da will ich Auskunft geben. Aber es stimmt schon, das ist in meinem Alter ein anstrengender Tag.“
Erst vor wenigen Monaten ist Kurt Salomon Maier nach Deutschland zurückgekehrt. Sein Lebensende will er in der alten Heimat verbringen, die er niemals vergessen hat. Mehr als 85 Jahre hatte er zuvor in den USA gelebt, wo seine Familie im August 1941 quasi in letzter Minute Zuflucht fand, nachdem sie zuvor aus ihrem Heimatort Kippenheim in Baden ins KZ Gurs in Südfrankreich deportiert worden war. Die dramatische Geschichte, wie seine Familie im KZ doch noch ein Visum für die USA erhielt und dann per Schiff aus dem Machtbereich der Nazis von Marseille über Casablanca nach New York entkam, fesselt bis heute junge Zuhörer*innen.
In den USA studierte Kurt Salomon Maier deutsche Literatur und Geschichte, wurde Bibliothekar und arbeitete schließlich bis zu seinem 94. Geburtstag in der Bibliothek des US-Kongresses in Washington D.C. Für seinen Militärdienst in der amerikanischen Armee kehrte er 1952 für zwei Jahre nach Deutschland zurück, wo er im Hunsrück stationiert war.
Wann und wie haben Sie zum ersten Mal Demokratie erlebt?
„Als ich damals in New York ankam, hatte ich mit Demokratie noch überhaupt keine Berührungspunkte. Ich war deutsche Autorität gewohnt und überrascht, wie frei die Kinder in Amerika waren. Es gab dort viel weniger Einschränkungen und Gesetze für junge Leute. Ja, da war auch mehr Kriminalität und die Polizei weniger präsent, aber insgesamt war da mehr Freiheit, in der amerikanischen Demokratie. Heute, muss man sagen, ist das mit dem aktuellen Präsidenten Trump leider andersherum.“
Auch mit Karlsruhe ist Kurt Salomon Maier verbunden. Mehrere Besuche hat er der badischen Hauptstadt über die Jahrzehnte hinweg abgestattet. Für Vorträge, Projekte der Erinnerungsarbeit und nicht zuletzt für Treffen mit den Überlebenden einer befreundeten Familie.

Herr Maier, machen Sie sich Sorgen um die Demokratie in Deutschland?
„Ja, und besonders darum, dass Deutschland ein sicheres Land für Juden bleibt. Ich frage mich, was geschehen wird, wenn die AfD eine Mehrheit für ihre Politik bekommt. Es wäre ein großes Problem, wenn zum Beispiel eingewanderte Bürger wieder vertrieben werden.“
Im Z10, einer echten Institution der Karlsruher Campus-Kultur, ist er heute aber zum ersten Mal. Wo sonst gemütliche studentische Kulturabende und Partys stattfinden, zieht das Zeitzeugengespräch Besucher*innen aus allen Generationen in seinen Bann. Der bewegende Bildervortrag von Kurt Salomon Maier steht unter dem Titel „Unerwünscht – Eine jüdische Jugend im Dritten Reich“.

Er teilt intime Erinnerungen, persönliche Anekdoten und geschichtliche Zusammenhänge. Hin und wieder wechselt er für einzelne Vokabeln oder Nebensätze ins Englische – kurze Momente, die tief blicken lassen. Hier sitzt ein Deutscher, der gezwungen war, Amerikaner zu werden. Und er hätte jedes Recht gehabt, es zu bleiben. Aber er hat sich früh dagegen entschieden. Gegen das Vergessen, für das Erinnern. Gegen Ignoranz, für das Frühaufstehen.
Haben Sie einen Rat für Menschen, die sich für unsere Demokratie engagieren wollen?
„Wer in der Demokratie leben möchte, muss an sie glauben – nicht an falsche Versprechen. Es ist schwer, nicht zwischen den Parteien und den Meinungen hin- und hergerissen zu werden. Ich sage: Remain true to your democracy!“
Bleiben Sie Ihrer Demokratie treu. Ein einfacher Satz, der aber aus dem Mund des Zeitzeugen Kurt Salomon Maier viel Gewicht hat. Im Anschluss an seinen Vortrag beantwortet er noch bereitwillig Fragen aus dem Publikum. Wichtig ist ihm dabei auch der geschichtliche Kontext des jüdischen Lebens in Baden vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten. Schließlich hat das Großherzogtum Baden unter Großherzog Karl Friedrich als erster Staat in Deutschland 1809 die jüdische Religionsgemeinschaft als gleichberechtigt anerkannt.
Mit Kurt Salomon Maiers Lebensgeschichte könnte man problemlos Bücher füllen. Und noch ein paar mehr ließen sich zu seinen Gedanken über Gesellschaft, Demokratie und Zeitgeschichte verfassen. Gut, dass dank digitaler Technologie auch noch zukünftige Generationen die Möglichkeit haben werden, mit Kurt Salomon Maier ins Gespräch zu kommen. Für ein Projekt der Deutschen Nationalbibliothek und deren Exilarchiv verbrachte er fünf Tage im Filmstudio und beantwortete hunderte Fragen. Die dabei entstandenen 3D-Videoclips sind Gegenstand einer interaktiven Installation, bei der die Fragen der Ausstellungsbesucher*innen in Suchbegriffe übersetzt werden und entsprechend dazu passende Antworten der Zeitzeug*innen abgespielt werden.

Karlsruher Stimmen
Das Interview im Rahmen des Besuches von Kurt Salomon Maier in Karlsruhe am 5. Mai 2026 führte Luca Wernert. In der Reihe Karlsruher Stimmen lässt das Bündnis für Demokratie und Menschenrechte Karlsruhe Personen aus der Region zu Wort kommen, die aus einem ganz persönlichen Blickwinkel auf Demokratie und Menschenrechte schauen. Hier ist Platz für Meinungen und Diskussionen sind ausdrücklich erwünscht. Alle Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner eint der gemeinsame Einsatz für unsere Demokratie und die unumstößlichen Menschenrechte.
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