Karlsruher Stimmen I Demokratie und Menschenrechte im Gespräch

Jimmy Röck über die Bedeutung der Musik und ehrenamtlichen Engagements für die Gesellschaft am Beispiel des Karlsruher Kneipenchors
Zur Person
Jimmy Röck ist seit 2000 in Karlsruhe „lebhaft“. Er studierte künstlerisches Lehramt an Gymnasien und Dirigieren an der Staatlichen Hochschule für Musik. Seit seiner Kindheit macht er Musik und schon als 16-jähriger übernahm er seinen ersten Chor. Heute arbeitet er als Lehrer und leitet verschiedene Musikgruppen, u.a. den Karlsruher Kneipenchor.
Herr Röck, Sie leiten seit 2012 den Karlsruher Kneipenchor. Wie es ist es zu seiner Entstehung gekommen?
Ich lebte lange Zeit in der Südstadt und 2012 wandte sich die Pächterin der Bento-Bar an mich, sie habe von einem Kneipenchor in Berlin gehört. Sie fragte mich, ob ich mir vorstellen könnte, das in Karlsruhe bei ihr aufzuziehen. Ich fand das großartig, auch um der Südstadt etwas Gutes zu tun, meinem Kiez. Nach kurzer Anlaufzeit waren sehr schnell 30 Leute zusammengekommen.
Die Arbeit mit dem Kneipenchor ist mir mittlerweile sehr ans Herz gewachsen. Es ist ein Termin, der mir sehr wichtig ist, weil ich sehr viel zurückbekomme von dem, was ich für andere gebe. Das strahlt unmittelbar zu mir zurück.
Die Kneipe gilt ja als urdemokratischer Ort – Menschen verschiedenster Hintergründe kommen zusammen, diskutieren, singen, tauschen sich aus. Inwiefern knüpft der Karlsruher Kneipenchor an diese Tradition an?
Ursprünglich standen die Leute vorm Fenster, haben neugierig geschaut, den Auflauf von Leuten wahrgenommen und sind deswegen in die Kneipe gekommen. Manche sind stehen geblieben, manche haben mitgemacht, sind weitergezogen. Heute haben wir kein Laufpublikum mehr, da wir mit den 200 Sänger*innen im Tollhaus proben, und die Leute haben schon das primäre Ziel singen zu wollen. Aber wir sind insofern urdemokratisch, da sich alle auf unterschiedliche Weise einbringen können, dürfen und sollen.
Musik verbindet Menschen – nicht nur diejenigen, die singen, sondern auch diejenigen die euch zuhören. Was tragt ihr in die Karlsruher Gesellschaft?
Wir sind sehr lebendig in der Wirkung. Wir können auch mal fünf gerade sein lassen und es ist nicht unser Anspruch hochfeine Chormusik darzubieten. Natürlich ist alles geprobt und eine „geplante Mehrstimmigkeit“. Aber wenn Fehler passieren, dann sagen wir: nächstes mal gerne wieder. Das kommt an. Ich sehe als Dirigent in strahlende Gesichter, die das widerspiegeln, was hinter meinem Rücken geschieht, nämlich ein strahlendes, wohlgesonnenes Publikum, das sich durch unsere Energie und Lebensfreude anstecken lässt, nicht durch Perfektionismus.
Gab es Auftritte oder Momente, in denen ihr besonders gespürt habt, dass Musik ein Statement für Menschenrechte oder gegen Ausgrenzung sein kann?
Ja, allerdings nicht in einem politischen Kontext. Wir haben uns bislang nicht politisch positioniert. Wir sind ein freier Chor und verstehen uns grundsätzlich nicht als politische Institution sondern als gesellschaftliche. Was wir haben und leben ist Toleranz auf allen Ebenen. Wir schließen niemanden aus. Wir wollen zusammenbringen, was manchmal nicht unbedingt zusammenpassen kann.
Eine ganz besondere Situation war im Städtischen Klinikum auf der Onkologie-Station. Wir haben im Flur gesungen und ich habe wahrgenommen, wie mein Chor immer brüchiger wurde. Einigen liefen die Tränen herunter. Als ich mich umdrehte, sah ich einige Patienten, die – obwohl nicht mobil – aufgestanden und an die Türe gekommen waren um uns zu hören. Im Krankenhaus sind wir alle wieder gleich und ausgegrenzt ist dort niemand. Wir können Menschen etwas zurückgeben, was Freude bereitet. Wir gehen zu den Menschen und gehen auf die Menschen zu. Das ist Verbindung, die geschaffen wird.
In der Corona Zeit gab es den Slogan „Ohne Kunst und Kultur wird’s still“. Heute erleben wir, dass zum einen Menschen immer weniger in die Kneipe oder in Kultureinrichtungen gehen. Was ist dein Plädoyer für die Kultur?
Kultur macht den Menschen aus. Wir sind darauf angewiesen ein Vis-a-Vis zu haben. Social Media kann nicht abdecken, dem anderen ins Auge zu blicken, den anderen zu erleben und zu spüren. Kultur braucht den direkten Kontakt, den unmittelbaren Austausch. Das erleben wir im Chor, ist aber in anderen Kulturbereichen genauso essentiell. Der direkte Austausch trägt unsere Gesellschaft und dazu alleine ist nur die Kultur fähig.

Karlsruher Stimmen
Das Interview führte Stefanie Wally im September 2025. In der Reihe Karlsruher Stimmen lässt das Bündnis für Demokratie und Menschenrechte Karlsruhe Personen aus der Region zu Wort kommen, die aus einem ganz persönlichen Blickwinkel auf Demokratie und Menschenrechte schauen. Hier ist Platz für Meinungen und Diskussionen sind ausdrücklich erwünscht. Alle Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner eint der gemeinsame Einsatz für unsere Demokratie und die unumstößlichen Menschenrechte
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