Karlsruher Stimmen I Demokratie und Menschenrechte im Gespräch

Ulrike Wernert über die Notwendigkeit eines selbstbestimmten Lebens, politische Teilhabe und die Chance der offenen Begegnung
Zur Person
Nach dem Studium (Diplom Verwaltungswirtin FH) startete Ulrike Wernert bei der Stadt Karlsruhe im Jugendamt und wechselte dann ins Sport- und Bäderamt in die Öffentlichkeitsabeit. Danach arbeitete Ulrike Wernert, die selbst früher Parasportlerin im Schwimmen war, im Bereich Sport, zunehmend mit dem Schwerpunkt Integration durch / Inklusion im Sport. Seit 2016 ist sie Beauftragte für die Belange von Menschen mit Behinderungen in der Stadt Karlsruhe – immer begleitet von unterschiedlichen ehrenamtlichen Aktivitäten. Ihre Freizeit verbringt sie aktuell gern draußen mit ihrem Assistenzhund Edda – sie beschäftigt sich auch mit der Ausbildung von Assistenzhunden.
„Demokratie braucht Inklusion“, lautet das Motto des Beauftragten der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen. Frau Wernert, inwiefern ist Inklusion die Voraussetzung für Demokratie?
Der Begriff Inklusion bezieht sich oft zunächst auf Menschen mit Behinderungen, ist aber breiter gefasst: Es geht darum, dass jeder Mensch in unserer Gesellschaft die Möglichkeit hat, sich nach eigenen Wünschen zu entfalten, zu lernen oder zu arbeiten. Das Wichtige an Inklusion – oder an Teilhabe – ist, dass die Rahmenbedingungen so gestaltet werden, dass jeder selbstbestimmt leben kann. Dass sich das System zum Beispiel an die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen anpasst und nicht umgekehrt. Das ist ein ganz wichtiger Unterschied!
Sie arbeiten seit zehn Jahren als Beauftragte für die Belange von Menschen mit Behinderungen in der Stadt Karlsruhe – und sind als Rollstuhlfahrerin auch persönlich betroffen. Welche Erfahrungen haben Sie geprägt?
Meine persönliche Situation ist die Grundlage für meine Arbeit. Nach einem Unfall, ich war damals 20, hat sich mein Leben von einem Tag auf den anderen schlagartig verändert. Ich war gerade am Anfang meines Studiums an der Fachhochschule in Mannheim für Chemie und habe der Hochschule mitgeteilt, dass ich ab sofort einen Rollstuhl brauchte – und die haben mich sofort exmatrikuliert.
Und da die neu gebaute Fachhochschule Kehl barrierefrei war, bin ich dann in die Verwaltung gegangen. Ich habe mich also an das System angepasst. Thematisch war das überhaupt nicht mein Ding, ich kam aus dem Sport, den Naturwissenschaften. Aber ich musste gucken: Was geht, wo passe ich rein.
Trotzdem habe ich immer versucht, das zu machen, worauf ich Lust hatte. Nach dem Studium habe ich beim Jugendamt angefangen und kam später ins Sport- und Bäderamt, in den Bereich Sport. Dort hatte ich viel mit dem Thema Inklusion im Sport zu tun, bundesweit und auch bei einem Europaprojekt – sehr spannend. Ich würde schon sagen, dass ich das Thema Inklusion im Sport in Karlsruhe so ein bisschen auf die Beine gestellt habe. Wenn in der Beratung beim Sportamt Eltern von mir wissen wollten, was ihr Kind mit Behinderung machen könnte, habe ich gefragt: „Was möchte ihr Kind denn machen?“ Und dann gingen wir ins Gespräch mit dem Sportverein. 2016 habe ich mich dann auf meine jetzige Stelle beworben.
Im Rahmen Ihrer Tätigkeit arbeiten Sie eng mit dem Beirat für Menschen mit Behinderungen zusammen, einem beratenden Gremium aus Bürgerinnen und Bürgern mit Behinderungen…
Ja, die Stadt Karlsruhe hat ja 2003 als erste Kommune in Baden-Württemberg den Beirat ins Leben gerufen, um die Rechte von Menschen mit Behinderungen sicherzustellen und mit den Dienststellen zusammenzuarbeiten. Also, das war schon sehr, sehr fortschrittlich. Es gab ja noch keine gesetzlichen Verpflichtungen. Erst 2006 gab es die erste barrierefreie Haltestelle in der Innenstadt von Karlsruhe. Der Beirat musste damals noch um ganz grundlegende Dinge kämpfen, etwa um einen barrierefreien Zugang zum Rathaus West – dafür hatte der Denkmalschutz wenig Verständnis.
Mit dem Beirat arbeite ich sehr eng zusammen. Gemeinsam haben wir ein gutes Standing, wir werden in die meisten Prozesse vorher eingebunden. Heute geht es dabei aber eher um spezielle Fragestellungen in der Umsetzung, um konkrete Lösungen in Einzelfällen.
Sie sind bei der Stadt angestellt – birgt das Konfliktpotential in der Zusammenarbeit mit dem Beirat für Menschen mit Behinderungen?
Nein. Ganz wichtig: Ich bin unabhängig und weisungsungebunden. Es gab schon Situationen, in denen die Stadt unsere Forderungen nicht umsetzen wollte oder wir sogar massiv gestritten haben. Zum Beispiel beim Blindenleitsystem im Zuge der Neugestaltung des Marktplatzes. Manchmal muss man hartnäckig bleiben. Gerade aktuell, in Zeiten der kommunalen Finanzknappheit.
A propos Finanzknappheit: Derzeit werden seitens der Politik Sparmaßnahmen diskutiert, die eine Teilhabe von Menschen mit Behinderungen erschweren könnten. Wird Teilhabe zum Luxus?
Also, ich finde das unsäglich. Allerdings muss man ein bisschen differenzieren: Zum Beispiel verursacht die Bürokratie bei der Umsetzung des Bundesteilhabegesetzes sehr hohe Kosten. Da gäbe es vielleicht Stellschrauben. Was meiner Meinung nach auf keinen Fall angetastet werden darf, ist dieses Ziel, dass jemand selbstbestimmt so leben darf, wie er das möchte.
Die größte Angst von vielen ist, dass es eine blaue Regierung geben könnte, die die Rechte von Menschen mit Behinderungen wieder ganz klar reduziert. Da gehen dann die Kinder wieder zurück in die Sonderschulen. Da gibt es keinen Platz mehr in einer Regelkita. Ich habe Sorge, dass wieder gesagt wird: „Das ist uns jetzt zu teuer, dieses Leben mit Assistenz, ihr geht jetzt einfach in eine Einrichtung.“ Dann gehen wir wieder rückwärts.
Die Gefahr scheint real – im Zuge des Rechtsrucks werden Stimmen laut, die Menschen mit Behinderungen als Belastung für die Gesellschaft bezeichnen. Wie kann man bei den Wählerinnen und Wählern ein Bewusstsein für diese Problematik wecken?
Man darf nicht müde werden, immer wieder die Bedeutung eines demokratischen Systems herauszustellen und zu beschreiben, welchen Wert das System explizit für die Zielgruppe der Menschen mit Behinderungen hat. Und dass von einer gewissen Partei keine Unterstützung zu erwarten ist. Das ist ein Thema, das alle betrifft. Jeder ist ja theoretisch gefährdet, irgendwann im Lauf des Lebens eine Behinderung zu erwerben.
Teilhabe zu ermöglichen bedeutet auch, Informationen für alle zugänglich zu machen. Wie kann man politische Teilhabe auf kommunaler Ebene unterstützen?
Leichte Sprache und barrierefreie Kommunikation ist ein Schwerpunktthema bei mir, weil das Verstehen von Informationen grundlegend ist für eine selbstbestimmte Teilhabe. Zu den großen Wahlen habe ich jedes Mal eine Veranstaltung gemacht mit der Zielgruppe Menschen mit Lernschwierigkeiten, in Kooperation mit der Lebenshilfe und mit der HWK. Da haben wir das Thema Demokratie in Leichter Sprache bearbeitet. Wie wählt man, warum ist Mitreden wichtig? Und letztes Jahr gab es eine Abendveranstaltung zum Thema Wahlhilfe. Menschen, die nicht allein wählen können, dürfen sich ja Unterstützung holen. Wie kann, wie darf so eine Unterstützung aussehen? Wo gibt es Grenzen?
Ein Thema, an dem man noch viel arbeiten könnte, ist, dass Menschen mit Behinderungen in die Politik gehen, um Stadtentwicklungsprozesse mitgestalten zu können. Gerade im ländlichen Bereich ist das oft noch undenkbar. Eine körperliche Einschränkung kann man mit einem Aufzug lösen; wenn ich aber jemanden habe, der gehörlos ist, dann wird jedes Mal ein Gebärdendolmetscher benötigt, das kostet viel Geld. Da wird mit vorgehaltener Hand schon die Frage gestellt, ob das überhaupt funktionieren kann. Trotz neuer Möglichkeiten wie zum Beispiel K.I. gibt es da immer noch Vorbehalte.
Inklusion ist nicht nur eine politische, sondern auch eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe – was kann jeder Einzelne tun?
Ganz wichtig ist die Begegnung von Menschen mit und ohne Behinderung! Die Bereitschaft, sich auf Menschen mit Behinderung und ihre Bedürfnisse einzulassen. Offen sein. Menschen mit Behinderung brauchen kein Mitleid, sondern Akzeptanz, Toleranz. Einfach die Menschen so nehmen, wie sie sind. Oft sind da ganz viele Ängste und Unsicherheiten: Wie trete ich ihnen gegenüber? Und dann nach den ersten paar Minuten bemerkt man, die sind vielleicht anders, aber richtig sympathisch, es macht Freude, man hat manchmal richtig viel zu lachen.
Deshalb ist es auch so wichtig, die Menschen schon im Kleinkinderalter zusammenzubringen, in der Kita und der Schule. Kinder gehen unproblematisch mit Behinderungen um, sobald sie mitbekommen, dass das normal ist. Die Grundlagenarbeit wird ganz früh gelegt.
Was wünschen Sie sich mit Blick auf die nächsten Jahre für Karlsruhe?
Dass wir nicht wieder rückwärts gehen, bloß weil das Geld fehlt. Da müssen vielleicht auch kreative Lösungen her. Die Stadt hat über die letzten zehn Jahre viel erarbeitet, das dürfen wir nicht aufgeben und abbauen. Etwa im Schulbereich und im Bereich der Eingliederungshilfe. Schulen barrierefrei zu gestalten ist eine wesentliche kommunale Aufgabe. Hier müssen die nötigen Rahmenbedingungen geschaffen und erhalten werden.
Tatsächlich wird aktuell aber auch ganz viel bearbeitet. Es geht weiter voran! Manchmal dauert es halt ein bisschen länger.

