In Zeichen von Engagement und Gemeinschaft

Die Lange Nacht der Demokratie am 2.10. wird zum Abend der gelebten Verbindung: Ein Nachbericht.

Eine Nacht gegen politische Müdigkeit – kann das funktionieren? Wer sich am 2. Oktober, am Vorabend des Tags der Deutschen Einheit, auf den Weg durch die Fächerstadt machte, konnte dies auf vielfältige Weise ausprobieren: konnte sich austauschen und einbringen, andere Perspektiven kennenlernen, sich selbst auf die Probe stellen und dabei noch einiges dazulernen.

Schon im Vorfeld zeigte ein Blick auf die Veranstaltungskarte, wie zahlreich und vielseitig unsere Bündnispartner vertreten waren. Über das Stadtgebiet verteilt boten sie Info-Points, Kulturveranstaltungen, Dialogformate und Mitmach-Aktionen an.

Wobei „Abend“ ein dehnbarer Begriff war: Bereits morgens um 9:30 Uhr konnte man hautnah „Demokratie erleben“ – in dem gleichnamigen inklusiven Workshop der Lebenshilfe Karlsruhe e.V. Speziell für Menschen mit und ohne Behinderung konzipiert, vermittelte er  lebensnah und alltagstauglich, wie demokratische Entscheidungen unseren Alltag prägen und Menschen gemeinsam und mit gegenseitigem Respekt Veränderungen aushandeln können. Elf Personen, darunter vier Azubis der IHK, kamen dazu im Haus der Wirtschaft der IHK Karlsruhe zusammen. Mit viel Motivation, gegenseitiger Unterstützung und Gelächter erlebten sie, wie viel Spaß Beteiligung machen kann und wie dabei ein Gefühl der Selbstwirksamkeit entsteht. Ein wichtiger Ansatz, denn Inklusion ist ein unerlässlicher Bestandteil von Demokratie. Entsprechend begeistert und dankbar fiel das Feedback der Teilnehmenden aus.

Was ist eigentlich Demokratie? Im inklusiven Workshop „Demokratie erleben“ der Lebenshilfe ging es um die Erfahrung der Beteiligung. (Foto: C. Renner)

Die Sonderausstellung „Nicolas Daubanes. Le feu intérieur“ wurde zum Ausgang für den Austausch „Über Kunst lässt sich streiten“. (Foto: N. Brasseur © VG Bild-Kunst)

Wie viel Demokratie in einem offenen Gespräch steckt, konnten diskussionsfreudige Kunstinteressierte ab 14 Uhr in der Orangerie ausprobieren: Hier lud die Kunsthalle unter dem Motto „Über Kunst lässt sich streiten“ zum Austausch ein. Ausgehend von der Sonderausstellung „Nicolas Daubanes. Le feu intérieur“ ging es unter Zuhilfenahme von thematischen Fragekarten um Macht, Widerstand, Freiheit und Verantwortung. Im Anschluss bestand die Möglichkeit zu einer Themenführung durch die Ausstellung.

Auf dem Marktplatz zündeten die die Omas und Opas gegen Rechts bei ihrer Mahnwache ein „Licht an für Demokratie“. Auch die demokratischen Parteien zeigten hier Präsenz: Mit Glücksrad, Quiz und viel Gesprächsbereitschaft informierten sie bürgernah über die politische Arbeit der Fraktionen. Bündnis90/Die Grünen luden an mehreren Dialoginseln zum direkten Austausch ein. Im Mittelpunkt stand die Perspektive der Bürgerinnen und Bürger: Statt „die da oben“ war zuhören die Devise.

Ums Zuhören und den Respekt vor anderen Perspektiven ging es auch in dem mittlerweile etablierten Gesprächsformat „Sprechen & Zuhören im Quartier“ des Bündnisses für Demokratie und Menschenrechte Karlsruhe, das an diesem Abend bei der IHK Karlsruhe im Haus der Wirtschaft stattfand. Angesichts der vielen parallel angebotenen Veranstaltungen blieb die Runde diesmal eher klein. Den Austausch zur Frage „KI verändert unsere Arbeitswelt: Wie geht es Ihnen damit?“ empfanden die Teilnehmenden dennoch als intensiv, sinnstiftend und verbindend.

Einen weiteren Perspektivwechsel bot der Dialogabend „Mit den Augen des anderen“ des Deutschsprachigen Muslimkreises Karlsruhe, der im Rahmen der Muslimischen Kulturtage stattfand: Der christliche Theologe Dirk Keller las aus dem Koran, der muslimische Theologe Abdulselam Aslandur aus der Bibel. Dabei traten nicht nur Unterschiede, sondern auch überraschende Gemeinsamkeiten zutage.

Derweil konnten die Karlsruherinnen und Karlsruher bei der interaktiven Stadtführung „PING! Dein Date mit der Demokratie“ des Badischen Landesmuseums zentrale Ereignisse der Demokratiegeschichte erkunden und ihre Stadt ganz neu entdecken.

Bereits im Vorfeld ausgebucht war der Virtual-Reality-Workshop „Im Labyrinth der Demokratie: Finde deinen Weg“ des Filmboards Karlsruhe – ein insbesondere für Jugendliche und junge Erwachsene konzipiertes Projekt. Mit VR-Brillen tauchten die Teilnehmenden in interaktive Geschichten ein, die spielerisch zum Handeln aufforderten und dabei grundlegende Fragen der Demokratie unmittelbar erfahrbar machten.

Voll besetzt war auch die Lesung „Undercover unter Nazis“ der Journalistin Angelique Geray im Badischen Staatstheater. Die Autorin bot einen ebenso spannenden wie persönlichen Einblick in die innersten Strukturen der rechtsextreme Szene, in der sie unter höchster Gefahr recherchiert hatte.

Kleine, feine Runde beim „Sprechen & Zuhören“ im Haus der Wirtschaft

„Alle an einem Tisch“ im ibz – zum gemeinsamen Essen, Spielen und Quizzen

Auch das Internationale Begegnungszentrum (ibz) lockte eine große Anzahl von Gästen an. Unter dem Motto „Alle an einem Tisch“ hatten sich gleich mehrere Bündnispartner zusammengetan, um ihre Arbeit vorzustellen und die Menschen miteinander ins Gespräch zu bringen. Eingeleitet wurde der Abend von der Volkshochschule (vhs), in deren benachbarten Räumlichkeiten zum Auftakt das Improtheater Karlsruhe gastierte. „Geschichten von Nebenan“ hieß das interaktive Konzept. Die Idee: Fragen aus dem Alltag aufzugreifen, die Demokratie im weitesten Sinne erlebbar machten, etwa bei der Lösung familiärer Konflikte oder beim gegenseitigen Helfen unter Freunden. „Aus den Antworten des Publikums haben wir dann improvisiert und Szenen gespielt“, berichtete der Leiter der Improtheatergruppe, Manuel Speck. So wurden die Darsteller auf der Bühne unter anderem zu ausgedienten Küchengeräten, was für viel Gelächter im Saal sorgte.

Dank der Gemeinschaftsarbeit mehrerer Bündnispartner – neben dem ibz und der vhs präsentierten sich in den Räumen des ibz auch das Büro für Integration der Stadt Karlsruhe, der Stadtjugendausschuss und das Informationszentrum Europe Direct – wurde der Begegnungsabend zum gut besuchten multikulturellen Treffpunkt. Die Gäste freuten sich unter anderem  über ein großes internationales Buffet, zwei Basteltische, eine spannende juristische Fragerunde, über kurze, als „Demokratie-Häppchen“ präsentierte Vorträge als Auslöser für Gespräche, ein Karlsruher Demokratie-Quiz und berührende Kurzfilme. Mit blauen Murmeln durfte man zu wichtigen Europäischen Fragen seine „Wahlstimme“ abgeben. Sogar einen offiziellen Einbürgerungstest konnte man probeweise absolvieren – zum Glück ganz ohne die Gefahr, bei falschen Antworten kurzerhand ausgebürgert zu werden.

Basteln für die Demokratie im ibz

„Murmelwahl“ bei Europe Direct

Gerade dieses zwanglose Miteinander ließ im Begegnungsraum eine besondere Atmosphäre der Gemeinschaft entstehen. Menschen mit ganz unterschiedlichen Hintergründen kamen beim gemeinsamen Essen, Raten und Lachen miteinander ins Gespräch.

Allein für solche Momente lohnt sich eine Lange Nacht der Demokratie. Das Engagement der Bündnispartner mit ihren zahlreichen Aktionen, aber auch die engagierte Beteiligung der vielen Gäste zeigte: Hier an der Basis bleibt Demokratie kein abstrakter Begriff, hier wird sie in all ihrer Lebendigkeit und Vielfalt spürbar. So wird aus politischer Müdigkeit Menschlichkeit und Mut.