Karlsruher Stimmen I Demokratie und Menschenrechte im Gespräch

Sara Manzari über das Leben in zwei Welten, den Wert von Erfahrungen und aktives Engagement für Menschenrechte
Zur Person
Sara Manzari wurde in Teheran geboren. Sie hat dort Kunst studiert und im Bereich Mode- und Grafikdesign gearbeitet. Danach folgte eine Ausbildung als Journalistin. Seit 2012 lebt sie in Deutschland, wo sie ihren Bildungsweg in den Bereichen Informatik und Journalismus fortsetzte. Heute lebt sie in Karlsruhe, arbeitet an der Anne-Frank-Gemeinschaftsschule als Pädagogin und engagiert sich journalistisch sowie zivilgesellschaftlich für Menschenrechte und Demokratie.
Sara, du gehörst zu den sichtbaren Stimmen der iranischen Community in Karlsruhe und warst Mitinitiatorin von Solidaritätsdemonstrationen in Karlsruhe. In einem von dir produzierten Kurzfilm im Januar 2026 kommen Menschen zu Wort, die von Angst, Trauer, Hoffnung und dem Leben zwischen Iran und Deutschland berichten. Wie kam es, dass du dich hier in dem neuen Land, in dem du lebst, so engagierst?
Ich war bereits vorher mehrfach in Europa – und ich durfte bzw. konnte nicht mehr als verfolgte Journalistin im Iran bleiben. Bis heute war ich nicht mehr in meiner Heimat. Nachdem meine Tochter 2013 auf die Welt kam und mein Mann wieder in den Iran zurückging, habe ich als Alleinerziehende beschlossen, dass ich nicht in Armut und Einsamkeit leben wollte. Außerdem wollte ich in dieser Demokratie, die mich aufgenommen hat, meinen Mut und meine Wut über das, was in meinem Heimatland passiert, nutzen, um darauf aufmerksam zu machen. Und das nicht nur für meine Heimat und meine Tochter, sondern auch, um die Demokratie hier zu schützen. Ich lebe dadurch also sozusagen in zwei Welten.
Wie erlebst du das Spannungsverhältnis zwischen diesem Engagement für deine Heimat und diesem Leben in Deutschland?
Ich habe in meinem Leben in zwei Welten überlebt: einmal in einer undemokratischen Welt und einmal in einer demokratischen Welt. In meinem vorherigen Leben hatte ich Familie, Freunde, meine Muttersprache, meine Heimat und meine Karriere. Hier in Deutschland habe ich alles verloren. Ich habe es gut gemacht im vorherigen Leben, und plötzlich war ich in einem fremden Land ohne Familie und Freunde mit einer fremden Kultur und fühlte mich einsam. Aber ich habe den Mut gefunden, wieder aufzustehen. Ich habe neu gelernt, wie Schachspielen. Ich musste mein Schachbrett wieder von vorne stellen und versuchen zu gewinnen. Und wenn du verlierst, dann lernst du für das nächste Spiel. Als 2015 so viele Menschen mit einem ähnlichen Schicksal hierhergekommen sind, habe ich angefangen, mich für die Gesellschaft hier zu engagieren – ehrenamtlich als Sozialarbeiterin beim Landratsamt, als Elternmentorin – und wollte die Menschen unterstützen, die die gleichen Probleme hatten wie ich. Durch mein Engagement sowohl für meine Heimat als auch für die Gesellschaft hier habe ich meine Seele gefüttert.
Was ist aus deiner Sicht die wichtigste Botschaft, die wir in Deutschland über die Lage der Menschen im Iran verstehen sollten?
1979 hat eine falsche islamische Revolution im Iran angefangen und leider gewonnen, weil viele geschwiegen haben. Dadurch hat der Iran so viel an Fortschritt verloren. Meine Generation hat alles verloren. Geschichte ist eine sehr gute Lehrerin, und wenn die Deutschen zu mir als Iranerin sagen „wir verstehen nicht, was im Iran passiert“, kommt bei mir ein großes Fragezeichen. Deutschland hat auch Krieg erlebt, war ein undemokratisches Land, es gab eine deutsche Teilung. Trotzdem haben die Deutschen es mit externer Hilfe geschafft, dieses Land wieder aufzubauen, mit dem Grundgesetz, in Demokratie und Freiheit. Die Iraner versuchen auch, Schritt für Schritt diese Mauer in ihrem Land zu brechen – in einem Kampf, der seit 47 Jahren andauert. Ich bin eine Frau und habe so viele seelische und körperliche Verletzungen von diesem Regime davongetragen, ich bin eine Mama einer zwölfjährigen Tochter. Es ist für mich schmerzlich, zu sehen, wie viele Menschen momentan für diesen Kampf im Iran sterben, für diesen Weg wieder zur Demokratie zurück. Deutschland hat einen ähnlichen Weg erlebt, und wenn hier die Frage kommt, dass man nicht versteht, dann denke ich immer: Gerade die Deutschen sollten einfach viel mehr wissen.
Was können wir, also Vereine, Schulen, Initiativen vor Ort, ganz konkret tun, um Menschenrechte prinzipiell zu stärken und wie können wir die Leute sensibilisieren dafür, dass der Einsatz für die Menschenrechte sich lohnt?
Alles hängt von der Bildung, vor allem in der Schule ab. Das ist die Zukunft Deutschlands. Gerade die Kinder mit Migrationshintergrund müssen mehr integriert werden. Es geht um das Zusammenleben, um die Demokratie zu schützen. Menschenrechte sind ja nicht einfach nur da. Überall gibt es Menschenrechtsverletzungen. Und die Menschen, die zu uns kommen, haben oft schon lange mit Gewalt und Krieg gekämpft, und nun müssen sie hier weiterkämpfen. Deshalb braucht es mehr Programme. Mehr Öffentlichkeit. Die älteren Leute, die von hier sind, haben so viel erlebt, sie kennen die Geschichte und sie könnten der Gesellschaft noch mehr helfen, indem sie ihre Erfahrungen weitergeben. Leider passiert das nicht immer. Ich habe auch versucht, im Landtagswahlkampf mit einem AfD-Kandidaten zu sprechen. Ich habe versucht, ihm klarzumachen, dass sie als Partei für ALLE Menschen in Deutschland da sind. Denn wir gehören dazu. Wir wollen als Gesellschaft nicht auseinanderbrechen. Deshalb müssen wir mutig sein und reingehen ins Gespräch und zu unserer Haltung stehen.
Du kennst beides: in einem demokratischen und in einem undemokratischen Land zu leben. Wofür bist du denn der Demokratie am meisten dankbar?
Bis jetzt danke ich der Demokratie für Sicherheit, für Meinungsfreiheit, für alle offenen Türen für die Menschen, die wie ich in Deutschland leben können, um einen friedlichen Weg zu finden für das weitere Leben. Bis jetzt habe ich all das so erlebt. Ich konnte, was ich im Iran gebaut hatte, dank der Demokratie hier in Deutschland wieder aufbauen. Ich habe hier für meine Tochter Unterstützung bekommen und für mein Leben. Deswegen bin ich sehr aktiv in dieser Gesellschaft, ich möchte dieses Geschenk weitergeben, zum Beispiel in der Schule, wo ich arbeite. Ich fühle mich jeden Tag gut, weil ich meiner Arbeit nachgehen und die offenen Möglichkeiten zur Weiterentwicklung nutzen kann. Vielen Dank, Demokratie!

